Der synthetische Mensch

Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden, die kosten zwar, laut Katalog, ziemlich viel Geld, doch ihre Herstellung dauert nur sieben Stunden, und ausserdem kommen sie fix und fertig zur Welt!

Man darf dergleichen Vorteile nicht unterschätzen. Professor Bumke hat mir das alles erklärt. Und ich merkte schon nach den ersten Worten und Sätzen: Die Bumkschen Menschen sind das, was sie kosten, auch wert.

Sie werden mit Bärten oder mit Busen geboren, mit allen Zubehörteilen, je nach Geschlecht. Durch Kindheit und Jugend würde nur Zeit verloren, meinte Professor Bumke. Und da hat er ja recht.

Er sagte, wer einen Sohn, der Rechtsanwalt sei, etwa benötigt, brauche ihn nur zu bestellen. Man liefre ihn, frei ab Fabrik, in des Vaters Kanzlei, promoviert und vertraut mit den schwersten juristischen Fällen.

Man braucht nun nicht mehr zwanzig Jahre zu warten, dass das Produkt einer unausgeschlafenen Nacht auf dem Umweg über Wiege und Kindergarten das Abitur und die übrigen Prüfungen macht.

Es sei ja auch denkbar, das Kind werde dumm oder krank uns sei für die Welt und die Eltern nicht recht zu verwenden. Oder sei musikalisch! Das gäbe Zank, falls seine Eltern nichts von Musik verständen.

Nicht wahr, wer könnte denn wirklich wissen, was später aus einem anfangs ganz reizenden Kinde wird? Bumke sagte, er liefre auch Töchter und Väter, und sein Verfahren habe sich selten geirrt.

Nächstens vergrössere er seine Menschenfabrik. Schon heute liefre er zweihundertneunzehn Sorten. Misslungene Aufträge nähm er natürlich zurück. Die müssten dann nochmals durch die verschiedenen Retorten.

Ich sagte: Da sei noch ein Bruch in den Fertigartikeln, in jenen Menschen aus Bumkes Geburtsinstitute. Sie seien konstant und würden sich niemals entwickeln. Da gab er mir zur Antwort: „Das ist ja gerade das Gute!“

Ob ich tatsächlich vom Sichentwickeln was halte? Professor Bumke sprach’s in gestrengem Ton. Auf seiner Stirn entstand eine tiefe Falte. – Und dann bestellte ich mir einen vierzigjährigen Sohn.

von Erich Kästner (1932) 

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3 Antworten

  1. Sowas Ähnliches könnte bald schreckliche Wirklichkeit werden. Geclonte Schafe gab’s ja schon.

    Toller Text von Kästner.

  2. Diese Gedanken gingen mir auch durch den Kopf. Erich Kästner war seiner Zeit in vielem voraus…

    Ich hoffe jedoch, dass die Gesetzgeber so klug sind, klonen zu verbieten.

  3. Der Text zeigt tatsächlich eine visionäre Einstellung. Sehr spannend. Kästner hat noch einige solcher Gedichte gemacht. In diese Richtung geht auch Joseph Roth, wenn auch nicht im lyrischen Bereich, so doch auch in seinen Reportagen, Feuilletons und nicht zuletzt den literarischen Texten. Vom Sprachstil her ähnlich wie Kästner.

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