Die Poesie-Reform, 1700-1850

Eine Reform der Poesie hatte die Gelehrsamkeit seit dem Aufkommen des Druckwesens eingeklagt, erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts griffen die Reformrufe. Die Gelehrsamkeit adressierte mit ihrem Anteil am Buchmarkt zu Beginn des 18. Jahrhunderts über ein breites Publikumsinteresse. Insbesondere das Rezensionswesen bot sich als Plattform an, Reformwünsche im öffentlichen Interesse zu artikulieren. Der erste Schritt der Poesiereform zielte im 18. Jahrhundert auf eine Neuordnung des dramatischen Bereichs. Tragödien in Versen sollten neben der Oper eigenen Status gewinnen (wenn sich diese denn nicht als fehlgegangene poetische Gattung vom Markt drängen ließ).

Marktgewalt errang die Poesiereform jedoch erst Mitte des 18. Jahrhunderts, als sie sich auf das bürgerliche Trauerspiel in Prosa – als Nachfolger der antiken Tragödie – einließ. Dadurch sahen sich einige Leute veranlasst, die literarischen Formen, die Richardson und Fielding für England neu definiert hatten, als Nachfolger des antiken Epos in Versen zu bezeichnen. Die maßgebenden Literaturkenner (und nicht zuletzt Fielding selbst) sehen Richardsons Romane jedoch als Nachfolger der Erbauungsliteratur des 2. Jahrhunderts ( Geschichten von Paulus und Thekla etc), und Fieldings Andrew Joseph und Tom Jones wird übereinstimmend die Nachfolge der von Lukian und Petron benutzten und später von Cervantes übernommenen Kunstform des antiken Romans zugeschrieben. Der Nachfolger des antiken Epos in Versen hingegen ist in der Weltliteratur das moderne Epos in Versen: der Roman in Versen. So nennt denn auch Puschkin seinen Eugen Onegin explizit einen Roman in Versen.[1] In einer Fortentwicklung der aristotelischen Poetik wurde Prosa als potentiell poetische Sprache akzeptiert. Das Drama fand mit der neuen Tragödie und einer ihr gegenüberstehenden Komödie neue Klassizität, die Epik verfügte mit komischen und ernsten Romanen über ein Traditionspaar, das der aristotelischen Aufgliederung des Epos Rechnung trug. Ein dritter Bereich wurde in Teilen des deutschen Sprachraums mit den verbleibenden Gedichtformen gebildet, der der Lyrik.

Die Tage der Poesie als Gattungsfeld waren mit derselben Entwicklung gezählt: Die Poesiedebatte fand seit den 1750ern innerhalb der Literaturkritik statt. Literatur war wenig später neuzudefinieren: im engeren Wortsinn Poesie. Die modernen Literaturgeschichten des 19. Jahrhunderts brachten dies zum Ausdruck. Georg Gottfried Gervinus verkaufte sein Standardwerk im begrifflichen Brückenschlag als Geschichte der poetischen National-Literatur der Deutschen.

Ein zweites Sprechen hatte an selber Stelle seit den 1730ern in der deutschen Poesiediskussion um sich gegriffen: Das Sprechen von Dichtung und Dichtkunst – ersteres erfasste das Textcorpus der Poesie, letzteres die Aufgabenstellungen der Poetologie, die Wissenschaft, die der gute Dichter mit Wissen wenn nicht Genie beherrschte. Bedeutung gewann das Sprechen von Dichtung Ende des 18. Jahrhunderts in der qualitativen Ausdifferenzierung, die sich auf dem Markt nun herstellte, zwischen wahrer, hoher Dichtung und einer indiskutabel werdenden Massenware. Die Entwicklung die die Worte Dichter und Poet im Deutschen einander gegenüber nahmen, ist für den Wandel des Marktes an dieser Stelle symptomatisch. Das Wort „Poesie“ verlor als wissenschaftliches Bedeutung und zog sich in Teilen des deutschen Sprachraums in ein subjektive Sprechen von „poetischer Qualität“ zurück; es überlebte jedoch, wie die Definition am Anfang des Artikels richtig betont, in den benachbarten europäischen Sprachen in seiner ursprünglichen Bedeutung für das ganze Feld des poetischen Schaffens.

Quelle: wikipedia 

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: