Monatskalender 2011 – Juni

Erich Kästner

Der Juni

Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.
Kaum schrieb man sechs Gedichte,
ist schon ein halbes Jahr herum
und fühlt sich als Geschichte.

Die Kirschen werden reif und rot,
die süßen wie die sauern.
Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,
so sehr wir es bedauern.

Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.

Es wird und war. Es war und wird.
Aus Kälbern werden Rinder
Und weil’s zur Jahreszeit gehört,
aus Küssen kleine Kinder.

Die Vögel füttern ihre Brut
und singen nur noch selten.
So ist’s bestellt in unsrer Welt,
der besten aller Welten.

Spät tritt der Abend in den Park,
mit Sternen auf der Weste.
Glühwürmchen ziehn mit Lampions
zu einem Gartenfeste.

Dort wird getrunken und gelacht.
In vorgerückter Stunde
tanzt dann der Abend mit der Nacht
die kurze Ehrenrunde.

Am letzten Tische streiten sich
ein Heide und ein Frommer,
ob’s Wunder oder keine gibt.
Und nächstens wird es Sommer.

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Monatskalender 2011 – April

Erich Kästner

Der April

Der Regen klimpert mit einem Finger
die grüne Ostermelodie.
Das Jahr wird älter und täglich jünger.
O Widerspruch voll Harmonie!

Der Mond in seiner goldnen Jacke
versteckt sich hinter dem Wolken-Store.
Der Ärmste hat links eine dicke Backe
und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.
Auch diesmal ist es dem März geglückt:
er hat ihn in den April geschickt.

Und schon hoppeln die Hasen,
mit Pinsel und Tuben
und schnuppernden Nasen,
aus Höhlen und Gruben
durch Gärten und Straßen
und über den Rasen
in Ställe und Stuben.

Dort legen sie Eier, als ob’s gar nichts wäre,
aus Nougat, Krokant und Marzipan.
Der Tapferste legt eine Bonbonniere,
er blickt dabei entschlossen ins Leere –
Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan!

Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden.
Dann werden noch seidene Schleifen gebunden.
Und Verstecke gesucht. Und Verstecke gefunden:
Hinterm Ofen, unterm Sofa,
in der Wanduhr, auf dem Gang,
hinterm Schuppen, unterm Birnbaum,
in der Standuhr, auf dem Schrank.

Da kräht der Hahn den Morgen an!
Schwupp sind die Hasen verschwunden.
Ein Giebelfenster erglänzt im Gemäuer.
Am Gartentor lehnt und gähnt ein Mann.
Über die Hänge läuft grünes Feuer
die Büsche entlang und die Pappeln hinan.
Der Frühling, denkt er, kommt also auch heuer.
Er spürt nicht Wunder noch Abenteuer,
weil er sich nicht mehr wundern kann.

Liegt dort nicht ein kleiner Pinsel im Grase?
Auch das kommt dem Manne nicht seltsam vor.
Er merkt gar nicht, dass ihn der Osterhase
auf dem Heimweg verlor.

Monatsengel – Januar 2011

Bildquelle: Jahreskalender 2010 Gutsch Verlag

Oktoberlied

Oktoberlied 

 

Der Nebel steigt,  es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden,  ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt,  die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz- 
Stoß an und lass es klingen!
Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein,  den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!  levrai.de
Der Frühling
kommt,  der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,  
Wir wollen sie,  mein wackrer Freund,
Genießen,  ja genießen! 

Theodor Storm

 

Die Blätter fallen

Die Blätter fallen, fallen wie von
weit,
als welkten in den Himmeln ferne
Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere
Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese

Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses
Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rilke, Rainer Maria (1875-1926) 


Verblühter Löwenzahn

Verblühter Löwenzahn

Wunderbar
stand er da im Silberhaar.
Aber eine Dame,
Annette war ihr Name,
machte ihre Backen dick,
machte ihre Lippen spitz,
blies einmal, blies mit Macht,
blies ihm fort die ganze Pracht.
Und er blieb am Platze
zurück mit einer Glatze.

Josef Guggenmos  *1922

Schnee

von Werner Zemp

Als ich ans Fenster trat, begann es zu schneien:

Vom Fenster aus kann ich den Garten sehen,

den Hauch versunkner Sommer fühlen,

bald werden wieder blau die Lilien blühen.

Soviel geschieht, und niemand weiss den Grund:

und dann wie Blüten sah ichs gleich Bienenschwärmen wallen

und dann wie Blüten durch die Bäume fallen

und jäh verlöschen, Stern für Stern, am Grund.

Dann nichts mehr  — nur noch abertausend Flocken,

ein schwindend All von Sternen gleichen Baus.

Wie letztes Jahr bin heftig ich erschrocken,

was je mir war, losch in der Hand mir aus.

Vielleicht lebt ich — wer weiss? zu lang allein.

O Sternenschauer jenseits aller Namen!

Wie spann noch das Nichts in einen Rahmen —

Als ich ans Fenster trat, beganns zu schneien.