Besinnliches Gedicht passend zu einem Adventabend

Altes Kaminstück

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Seßel,

An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.

Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergessne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Heinrich Heine

Bäume leuchtend – Bäume blendend


Bäume leuchtend, Bäume blendend,
überall das Süße spendend,
in dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend.

Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
staunend schauen wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.

Aber Fürst, wenn dir`s begegnet
Und ein Abend dich so segnet,
daß als Lichter, daß als Flammen
Vor dir glänzen all zusammen.

Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die du dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

 

Johann Wolfgang von Goethe

An das Herz

An das Herz

Lange schon in manchem Sturm’ und Drange
Wandeln meine Füsse durch die Welt.
Bald den Lebensmüden beigesellt,
Ruh ich aus von meinem Pilgergange.

Leise sinkend faltet sich die Wange;
Jede meiner Blüten welkt und fällt.
Herz, ich muß dich fragen: Was erhält
Dich in Kraft und Fülle noch so lange?

Trotz der Zeit Despoten-Allgewalt,
Fährst du fort, wie in des Lenzes Tagen,
Liebend wie dieNachtigall zu schlagen.

Aber ach! Aurora hört es kalt,
Was ihr Tithons Lippen Holdes sagen. –
Herz, ich wollte, du auch würdest alt!

Gottfried August Bürger

Anleitung zu einem guten Liebesbrief

Um einen guten Liebesbrief zu schreiben,

musst du anfangen ohne zu wissen,

was du sagen willst, und endigen ohne zu wissen,

was du gesagt hast.

Rousseau

Stille Liebe

Stille Liebe

Es gibt auch eine stille Liebe,
die leis und langsam Wurzel schlägt,
und, ob auch ohne üpp’ge Triebe,
sich warm und fest ums Herze legt.

Sie gleichet treuen Efeuranken,
so schmucklos und so immergrün,
dem Tannenbaum, der ohne Wanken,
ob Lenz und Lust vorüberfliehn.

Und solche Lieb‘ hab ich erfahren,
und dafür dank ich dir, mein Gott!
Sie soll mir lebenslang bewahren
das Herz vor allem Groll und Spott.


Clothilde v. Schwartzkoppen

Liebe zum Nachdenken

Vielleicht liebst du die Reichen, dann liebe nicht mich, es gibt welche, die sind viel reicher als ich.

Vielleicht liebst du die Guten, dann liebe nicht mich, es gibt welche, die sind viel besser als ich.

Vielleicht liebst du die Schönen, dann liebe nicht mich, es gibt welche, die sind viel schöner als ich.

Bestimmt liebst du die Liebe, dann liebe nur mich, denn ich glaube, es gibt keinen anderen, der dich so liebt wie ich.

Quelle: Herzenssache.de

Ein Engelgedicht zum Wochenstart


Der Engel

Mit einem Neigen seiner Stirne weist
er weit von sich, was einschränkt und verpflichtet;
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
das ewig Kommende, das kreist.

Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,
und jede kann ihm rufen: komm, erkenn -.
Gib seinen leichten Händen nichts zu halten
aus deinem Lastenden. Sie kämen denn

bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen,
und gingen wie Erzürnte durch das Haus
und griffen dich, als ob sie dich erschüfen,
und brächen dich aus deiner Form heraus.

Rainer Maria Rilke 1875 - 1926