Tau

Sonnenschein ist wohl herrlich und die Hauptsache,

aber ohne Tau verkümmern im Sommer die Pflanzen doch.

Die Eltern sind die Sonnen der Kinder, in ihrer Wärme reifen sie.

Aber trocken sind die Eltern oft, ergriffen von des Tages Mühen.

Die Grosseltern sind der Tau der Kinder, sie sinds,

die mir ihrer freien Liebe die kindliche Liebe nähren.

Jeremias Gotthelf

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Monatskalender 2011 – März

 

Erich Kästner

Der März

Sonne lag krank im Bett.
Sitzt nun am Ofen.
Liest, was gewesen ist.
Liest Katastrophen.

Springflut und Havarie,
Sturm und Lawinen, –
gibt es denn niemals Ruh
drunten bei ihnen.

Schaut den Kalender an.
Steht drauf: “ Es werde!“
Greift nach dem Opernglas.
Blickt auf die Erde.

Schnee vom vergangenen Jahr
blieb nicht der gleiche.
Liegt wie ein Bettbezug
klein auf der Bleiche.

Winter macht Inventur.
Will sich verändern.
Schrieb auf ein Angebot
aus anderen Ländern.

Mustert im Fortgehn noch
Weiden und Erlen.
Kätzchen blühn silbergrau.
Schimmern wie Perlen.

In Baum und Krume regt
sich’s allenthalben.
Radio meldet schon
Störche und Schwalben.

Schneeglöckchen ahnen nun,
was sie bedeuten.
Wenn Du die Augen schließt,
hörst Du sie läuten.

Monatskalender 2011 – Januar

 

 

Erich Kästner (1928)

Der Januar

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren. Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder langer.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
daß sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt vom Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

2008 ist zu Ende – 2009 wird geboren

happy-new-year

Schon ist wieder ein interessantes, spannendes, jedoch auch äusserst anstrengendes Jahr vorbei und dauert nur noch wenige Stunden.

„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?“/ fragt man alljährlich./ Seien wir ehrlich:/ Leben ist immer/ lebensgefährlich.

Erich Kästner (1899-1974), dt. Schriftsteller, 19 57Georg-Büchner-Preis

Trotz Wirtschaftskriese sollten wir voll Optimismus ins neue Jahr schreiten. Nur wer ruhig und positiv bleibt, wird den Überblick bewahren und neue interessante sowie lehrreiche Wege beschreiten können.

Man nehme 12 Monate, putze sie sauber von Neid, Bitterkeit, Geiz, Pedanterie und zerlege sie in 30 oder 31 Teile, so daß der Vorrat für ein Jahr reicht. Jeder Tag wird einzeln angerichtet aus 1 Teil Arbeit und 2 Teilen Frohsinn und Humor. Man füge 3 gehäufte Eßlöffel Optimismus hinzu, 1 Teelöffel Toleranz, 1 Körnchen Ironie und 1 Prise Takt. Dann wird die Masse mit sehr viel Liebe übergossen. Das fertige Gericht schmücke man mit Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten und serviere es täglich mit Heiterkeit.

Katharina Elisabeth Goethe (1731-1808), Mutter v. Johann Wolfgang von Goethe

Ich wünsche allen meinen Besucherinnen und Besucher viel Optimismus, Freude, Gesundheit und schöne Momente im kommenden Jahr 2009.

Hier noch ein wunderschönes Märchen aus dem Orient:

Diese Geschichte spielt im alten Persien. Es war an der Zeit, das Neujahrsfest vorzubereiten. Der König wies seine Leute an: „Ich möchte, daß es ein wirklich königliches Fest wird. Die Gästeliste soll überquellen von illustren Persönlichkeiten. Die Tische sollen sich biegen unter Delikatessen, und der Wein soll nur aus erlesenen Trauben und besten Jahrgängen bestehen.“ Die Mitarbeiter schwärmten aus und brachten aus allen Landesteilen nur das Köstlichste. Aber der König war nicht zufriedenzustellen. „Im letzten Jahr habe ich ein durch nichts zu überbietendes Fest gegeben. Aber die ganze Stadt sprach nur von dem Fest bei Ramun, dem Maler. Da wurde getrunken und gelacht die ganze Nacht bis zum Nachmittag des nächsten Tages. Im Jahr davor war es dasselbe. Ebenso im Jahr davor und davor. Einmal muß es mir doch gelingen, diesen Wurm zu übertrumpfen, denn ich, ich bin der König.“ Einer der Mitarbeiter, ein kluger Mann, verneigte sich tief und fragte: „Mein König, habt Ihr je mit dem Maler gesprochen? Es muß doch einen Grund geben, warum die Leute sein Fest so lieben, obwohl sie in schäbiger Hütte ihre mitgebrachten Happen essen und den billigsten Wein trinken müssen.“ Der König nickte stumm und sagte: „Gut, schafft mir diesen Ramun heran.“ Und so geschah es. „Warum lieben die Menschen so dein Neujahrsfest?“ fragte der König. Worauf der Maler: „Wir sind Freunde und brauchen einander – aber mehr brauchen wir nicht. Deshalb sind wir reich.“

Verfasser unbekannt

Kritik des Herzens

von Wilhelm Busch

Wenn alles sitzen bliebe,

was wir in Hass und Liebe

so von eineinander schwatzen.

Wenn Lügen Haare wären,

wir wären rauh wie Bären

und hätten keine Glatzen.

Früher, da ich unerfahrener

und bescheidener war als heute,

hatten meine höchste Achtung

andre Leute.

Später traf ich auf der Weide

ausser mir noch mehrere Kälber,

und nun schätz ich, so zu sagen,

erst mich selber.